Jeder weiß doch heute, dass die Wissenschaft keine Verlautbarung der Wahrheit der Dinge ist, sondern nur eine Sprache, der Ausdruck einer bestimmten Erfahrung von Gegenständen, von deren Struktur und Mathematik, ein koordinierter und verwertbarer Eindruck von deren Prozessen – weiter nichts.
Sri Aurobindo
Auch heute findet man gerade in der alternativen und esoterischen Szene etliche Berichte über die Zirbeldrüse und deren Bedeutung im Zusammenhang mit Spiritualität und Seele. Es wird von deren Verkalkung gesprochen und vor den disaströsen Auswirkungen auf unser spirituelles Voranschreiten gewarnt, natürlich begleitet von allerlei Vorschlägen an kostenpflichtigen Hilfsmitteln zur Entkalkung derselben.
Ich stieß relativ spät auf diese Beiträge, und ich nahm sie nie sonderlich ernst. Aber wenn ich in den Kommentarfunktionen lese, erschrecke ich immer wieder, welche Ängste das bei manchen Menschen tatsächlich auslöst, die ihren spirituellen Aufstieg dadurch aufrichtig gefährdet sehen. Weshalb setzt man solche Beiträge in die Welt? Um besonders spirituell versiert zu erscheinen? Um andere an sich zu binden, indem man ein Problem in die Welt setzt und natürlich zugleich die Lösung dafür anbietet? Oder vielleicht sogar aus purer Absicht, um zu versuchen, die Zielgruppe spirituell interessierter und praktizierender Menschen zu verunsichern und genau diese Ängste in ihnen hervorzurufen? Denn wer aufrichtig Yoga praktiziert und auf diesem Weg schon ein Stück vorangeschritten ist, kann so etwas nicht ernst nehmen.
In seinem "Briefwechsel mit Nirodbaran", der im vorliegenden Band aus den Jahren von 1933 bis 1938 zusammengestellt wurde, legte Sri Aurobindo auf seine humorvolle Weise dar, was er von dem offensichtlich schon damals bekannten Hype um die Zirbeldrüse hielt.
Nirodbaran zitierte in dem betreffenden Auschnitt unter anderem Passagen aus einem Buch des Jogi Radhaswami und bat um Sri Aurobindos Meinung dazu.
Und was hältst du von dem, was ich in einem Buch gelesen habe: „Die innersten Teile unserer Gehirnzentren sind mit feinartigen Welten verbunden und ermöglichen, göttliches Wissen zu erhalten.“
Nichts Neues drin, außer dass die Rolle übersehen wird, die der feinstoffliche Körper spielt, und man alles ins Grobstoffliche packt.
„Das wichtigste dieser Zentren ist die Zirbeldrüse, der Sitz der Spiritwesenheit im Menschen.“
Alt, uralt. Die Theosophen, glaube ich, machten viel Aufhebens von der Zirbeldrüse.
Wenn man einen durch diese Drüse schieße, sterbe er sofort.
Das tut er auch, wenn man ihn z.B. durchs Herz schießt; so ist die Spiritwesenheit auch dort?
„Die Einstellung der Spiritwesenheit verleiht dem Menschengeist und -körper Leben und Vitalität. Zieht sie sich aus der Zirbeldrüse zurück, so ergeben sich die Zustände von Traum, Tiefschlaf oder Trance, und verlässt sie die Drüse schließlich, stirbt der Körper sogleich.“
Menschenskind!! Wie kann sie sich denn zurückziehen, ohne die Drüse zu verlassen?
„Verlässt die Spiritwesenheit die Zirbeldrüse und durchquert aufwärts die graue Hirnsubstanz, dann kommt sie in Kontakt mit dem Bereich des universalen Geistes, und der Durchgang durch die weiße Substanz erhebt das Bewusstsein in erhabne spirituelle Wirklichkeiten …“
Tönt ziemlich pedantisch und geschwollen, mag aber stimmen, soviel ich weiß. Diese theosophischen und andern modernen Versuche, Naturwissenschaft und Joga unter einen Hut zu bringen (früher bemühten sich Jogis nicht, die spirtlichen Funktionen der grauen und der weißen Substanz zu unterscheiden), machen mich immer misstrauisch. Es sieht aus wie ein Erzeugnis des Geistes [mind], pseudowissenschaftlich.
Allerdings gibt es eine Stelle in den Upanischaden, von der vermutet wird, dass sie der Seele die Zirbeldrüse als Mietwohnung zuweist.
Manche Mediziner halten diese Drüse für so überflüssig wie den Blinddarm, andere schreiben ihr unbestimmte Funktionen zu. Was ist Deine Meinung?
Ich hab keine. Hab mich nie um die Zirbeldrüse gekümmert. Ja, meine `Spiritwesenheit´hat sich längst aus ihr zurückgezogen und sie schließlich `verlassen´, ohne dass ich gestorben wäre – jedenfalls komme ich mir noch lebendig vor.
Ich las auch, die Seele wohne im Gehirn. Schon mal davon gehört?
Jetzt zum erstenmal. Gehört habe ich, sie befinde sich irgendwo dort oben in einem Ding, das Tschakra oder Lotus genannt wird.
Ist diese Spiritwesenheit dasselbe wie die in der Zirbeldrüse wohnende Seele?
Mag sein. Aber die Seele soll auch irgendwo in oder hinter dem Herzen, d.h. dem Herzzentrum sein. Doch ist das vielleicht bloß die Seelenwesenheit und nicht die Spiritwesenheit? Gott weiß es – und vielleicht R.S. auch. Ich nicht.
Lass mich meine Schwierigkeiten darlegen. Wie zum Teufel kann eine spirtliche Wesenheit in einer stofflichen Drüse eingeschlossen sein? Soviel ich weiß, ist das Selbst oder der Spirit nicht im Körper eingeschlossen, vielmehr ist der Körper in ihm selbst drin. Wenn wir die volle Erfahrung des Selbstes haben, empfinden wir es als ein weites Bewusstsein, worin der Körper ein winziges Ding ist, ein Anhängsel, etwas Enthaltenes, kein Behältnis. Was ist denn diese `Spiritwesenheit´? Es kann eine kleine Gestaltung sein, die für das Selbst oder den Spirit steht, wie der Purusha der Upanischaden `nicht größer als eines Menschen Daumen´. Ist das die `Spiritwesenheit´? Doch selbst dann, in welchem Sinn, in welchem Raumbezug lässt sich sagen, sie sei in der eigentlichen materiellen Zirbeldrüse? Ein Spirit, der in einer Drüse eingesperrt ist und durch einen Pistolenschuss ausquartiert wird, das ist eine Sprache, gegen die ich mich wehre. Ein Spirit, der durch Berühren grauer Gehirnsubstanz mit universalem Geist in Kontakt kommt und durch Berühren weißer Gehirnsubstanz erhabenere spirtliche Wirklichkeiten kontaktiert, ist ebenfalls eine zu sonderbare Auffassung für meinen Verstand. Was geschieht mit ihm, wenn er keine Materie zum Berühren hat? Auflösung? laja?
Wenn wir von Purusha im Kopf, im Herzen usw. sprechen, verwenden wir ein Bild. Das Muladhara, woraus die Kundalini aufsteigt, befindet sich nicht im physischen Körper, sondern im feinartigen (demjenigen, worin das Wesen bei tiefer Entrückung oder, noch gründlicher, beim Tod hinausgeht); das Gleiche gilt für alle Zentren. Da der feinartige Körper den grobstofflichen durchdringt und mit ihm vermengt ist, besteht eine gewisse Entsprechung zwischen diesen Tschakren und bestimmten Zentren im eigentlichen Physischen. So sprechen wir bildlich vom Puruscha in diesem oder jenem Zentrum des Körpers. Wenn ferner aufgrund dieser Entsprechung das Ananda oder sonst was ins Wesen herabkommt, durchdringt es zwar den feinartigen Körper, teilt sich aber durch diesen dem groben Körper und dessen Bewusstsein mit, so dass es als etwas den Körper durchdringendes empfunden wird.
Doch ist das alles sehr verschieden von der Aussage, der Spirit wohne in einer Drüse. Der grobe Körper ist ein Gerät, ein Mittel des Spirits, sich der Welt mitzuteilen und auf sie einzuwirken, und er ist nur ein kleiner Teil seiner Ausrüstung. Es ist absurd, dies alles derart aufzubauschen. Das ist eine Art falscher Materialismus, der Geister beschwichtigen soll, die von der Wissenschaft nur spärliche Kenntnis haben. Aber was nutzt das? Jeder weiß doch heute, dass die Wissenschaft keine Verlautbarung der Wahrheit der Dinge ist, sondern nur eine Sprache, der Ausdruck einer bestimmten Erfahrung von Gegenständen, von deren Struktur und Mathematik, ein koordinierter und verwertbarer Eindruck von deren Prozessen – weiter nichts.
Materie selbst ist etwas (eine Prägung von Energie vielleicht?), wovon wir oberflächlich das Gefüge kennen, wie es unserm Geist, unsern Sinnen und gewissen untersuchenden Instrumenten erscheint (welch letztere offenbar weitgehend ihre eignen Resultate bestimmen, indem die Natur ihre Antworten dem verwendeten Instrument anpasst); mehr als das weiß ein Wissenschaftler aber nicht und kann er als solcher auch gar nicht wissen. Wenn die Radhaswami-Aussagen einfach eine andere Art von Sprache sein sollen, die bestimmte übersinnliche physische Erfahrungen ausdrücken, habe ich nichts dagegen. Wozu aber diese ganze Zirbeldrüserei und das Gerede von Wesenheiten und Revolverkugeln?
NB: Meine ich etwa, wenn ich vom Purusha im Herzen spreche, er befinde sich im physischen Herzen, purzle im Blutstrom herum, stecke in den Klappen oder den Muskeln, und wenn eine Kugel trifft, dann springe er auf und falle tot um oder gleite und schwimme in irgendwelche grauen oder weißen Substanzwelten darüber? Gewiss nicht. Ich benutze eine anschauliche Sprache, die bestimmte Bezüge zwischen dem übersinnlichen und dem physischen Bewusstsein ausdrückt, deren wir durch Joga gewahr werden können.
Lit: Sri Aurobindo, Briefwechsel mit Nirodbaran,
Sri Aurobindo Ashram Trust 1999
Aus dem Englischen übertragen von Hans Peter und Ruth Steiger
S. 123 -127
Was wir beobachten ist nicht die Natur selbst,
sondern die Natur,
die unserer Art des Fragens ausgesetzt ist.
Werner Heisenberg

